Pressebericht in "Der Elektro- und Gebäudetechniker"

Dr.-Ing. Joachim Dörfler, Projektleiter
Wirtschaftsentwicklungs- und Qualifizierungsgesellschaft mbH, Lauchhammer

Für Handwerker aus der Elektro- und Maschinenbaubranche bietet die Windenergie interessante Berufsperspektiven bei Montage, Service und Wartung von Anlagen. Zukünftige Aufgaben werden in die Qualifizierung neuer Berufsbilder einmünden.

Weltweit steigende Umweltbelastungen und Klimaveränderungen erfordern eine Reduzierung der immer noch größer werdenden umweltschädlichen Emissionen.
Bei der Elektrizitätserzeugung können durch die Nutzung erneuerbarer Energien nennenswerte Entlastungen erreicht werden.
Insbesondere in Deutschland hat sich die Nutzung der Windenergie in den letzten Jahren zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor entwickelt und über 50 000 Arbeitsplätze geschaffen. Mit einer installierten Leistung von derzeit ca. 16 500 MW ist in Deutschland inzwischen Weltmeister in dieser Branche.
Aber auch andere Länder haben bei der Nutzung der Windenergie in den letzten Jahren kräftig zugelegt und die Chancen dieser innovativen Energiegewinnung erkannt. Insbesondere Dänemark, Spanien, Portugal, Österreich und Großbritannien, im außereuropäischen Bereich die USA, Indien und vor allem China melden in den letzten Jahren einen Zuwachs an installierten Windenergieanlagen. Besonders der chinesische Markt dürfte in der Perspektive ein wichtiger Exportfaktor auch für die deutsche Windkraftenergie sein, vorliegende Vertragsabschlüsse und Lizenzen ermutigen zu dieser Aussage.
Zu beobachten ist auch vor allem in Deutschland ein Trend dahingehend, Altanlagen durch leistungsstärkere Neuanlagen zu ersetzen (repowering) und die vorhandene Infrastruktur dieser Standorte zu nutzen.

Anlagenstrukturen

Bei Wasser-, Dampf- oder Gasturbinen bzw. bei Dieselkraftwerken kann die Energiezufuhr reguliert und den Verbraucherverhältnissen angeglichen werden. Bei einer Windkraftanlage ist das Wandlersystem dagegen äußeren Einwirkungen unterworfen. Durch Änderungen der Windgeschwindigkeit oder infolge von anlagenbedingten Gegebenheiten (z.B. Strömungsstörungen im Turmbereich, Lastvariationen auf der Verbraucherseite bei schwachen Netzen) können diese bei Energiezufuhr auf der Verbraucherseite hervorgerufen werden.
Hauptbestandteile einer Windkraftanlage heutiger praktizierter Bauformen sind der Turm, der Rotor, das Maschinenhaus mit den mechanischen Übertragungselementen und der Generator. Bei Horizontalachsenanlagen wird ein Windnachführungssystem eingebaut. Zur Versorgung von Verbrauchern oder Speichern sind Schalt- und Schutzeinrichtungen, Leitungen. ggf. auch Transformatoren und Netze notwendig. Die Anpassung des Energieflusses im System entsprechend den auftretenden Einwirkungen an die Erfordernisse wird durch eine Einheit zur Regelung und Betriebsführung realisiert.

Auf dem Markt gibt es weiterhin auch getriebelose Konstruktionen mit direkt von der Turbine angetriebenen Generator. Speziell für diese Anlagen entwickelte Generatoren benötigen keine eigene Lagerung und der Verschleiß an schnelldrehenden mechanischen Komponenten wird hierdurch auf ein Minimum reduziert. Besonders die Entwicklungen des Windanlagenbauers Enercon haben hier eine Schlüsselposition auf dem Windkraftanlagenmarkt erreicht.
Bei Windkraftanlagen kommen für die mechanisch-elektrische Energiewandlung im wesentlichen - bedingt durch ihre robuste Ausführung - Asynchron- und Synchrongeneratoren zum Einsatz. Dabei sind hauptsächlich Generatoren mit direkter Netzanbindung sowie mit vollständiger oder teilweiser (läuferseitiger) Stromrichterkopplung von Bedeutung.

Service und Wartung

Moderne Windenergieanlagen sind über Modemverbindung mit einer Fernüberwachung ausgestattet. Meldet die Anlage eine Störung, wird diese häufig an eine Zentrale bzw. eine Service-Niederlassung gemeldet. Von hier aus führt man Serviceteams und leitet sie zu Havarieeinsätzen. Diese Einsätze sowie planmäßige Wartungen werden zunehmend auch von externen Dienstleistern übernommen.
Die technische Entwicklung der Windenergieanlagen erfordert in zunehmendem Maß hochqualifiziertes Personal, um die Aufgaben bei Montage, Service und Wartung zur Zufriedenheit der Betreiber zu meistern. Vorwiegend rekrutiert sich das Personal bei Herstellern und Betreibern aus Mitarbeitern mit Vorkenntnissen bzw. beruflichen Abschlüssen aus den Bereichen Elektrotechnik und Maschinenbau.
Erfreulicherweise haben Industriepartner, Bildungsträger und Fachverbände zum Ende der 90er Jahre die Schwachstellen im Personalmanagement analysiert und sich zu einem Bildungszentrum für erneuerbare Energien e.V. (BZEE) mit Sitz in Husum zusammengeschlossen. Diesem gehören mittlerweile der größte Teil namhafter deutscher Windanlagenhersteller, Bildungsträger, Fachverbände und Serviceunternehmen an. Mit dem Ziel, gerade im Servicebereich die Ausbildungsdefizite zu schließen, hat man im Jahr 2000 begonnen, gezielt Servicetechniker für Windenergieanlagen auszubilden und der Industrie zuzuführen. Dies erfolgt nach Vorgaben und Qualitätsrichtlinien, die von den Industriepartnern erarbeitet wurden und sich an den praktischen Gegebenheiten und Erfordernissen orientieren. Dieses zukunftsorientierte Konzept wird mittlerweile in Husum (Wirtschaftsakademie Schleswig-Holstein), Bremen (bfw Berufsfortbildungswerk des DGB) und Lauchhammer (Wirtschaftsentwicklungs- und Qualifizierungsgesellschaft mbH) erfolgreich praktiziert und von einem externen Consulting- Unternehmen im Auftrag des BZEE fremdüberwacht. Vorwiegend wurde dieses Ausbildungsangebot für junge arbeitslose Elektriker und Schlosser, die eine neue Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt suchen, geschaffen. Die bisherige Vermittlungsquote zwischen 70 - 90% der Lehrgangsteilnehmer in feste Arbeitsverhältnisse ist ein Indiz für die erfolgsorientierte und qualifizierte Ausbildung der Teilnehmer an dieser sechsmonatigen Fortbildung, die mit einer schriftlichen Abschlussprüfung endet.
Fachspezifische Exkursionen zu Herstellerfirmen und Betreibern von Windenergieanlagen sowie ein vierwöchiges Praktikum bei einem Serviceunternehmen bzw. in der Serviceabteilung eines Anlagenherstellers runden die Fachausbildung ab. Für den Zugang zu dieser Fortbildung sollten die Interessenten nicht älter als 35 Jahre und höhentauglich (G41-Höhentauglichkeitstest) sein, gute Vorkenntnisse aus dem Bereich Elektrotechnik oder Maschinenbau durch einen Gesellenbrief belegen können, den Wehrdienst bzw. Wehrersatzdienst abgeleistet haben und vor allem die Bereitschaft haben, bundesweit einsetzbar zu sein.
In der Ausbildung integriert sind sämtliche Sicherheitslehrgänge, die ein Servicetechniker absolviert haben muss, um auf Windenergieanlagen arbeiten zu können. Hierzu zählen u.a. der Umgang mit der persönlichen Schutzausrüstung (PSA), Abseilübungen, Retten aus der Leiter. Diese werden ständig in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis für Sicherheit in der Windenergie (AkSiWe) qualifiziert und überwacht.
Seit Mai 2005 steht hierzu am Standort Husum ein BZEE- Übungsturm zur Verfügung, der von allen Bildungsträgern und Lehrgangsteilnehmern genutzt werden kann. Dies betrifft sowohl die Erstausbildung als auch die Wiederholungsübungen der Servicetechniker aus der Praxis.
Neben dieser Möglichkeit einer mehrmonatigen Fortbildung zum Servicetechniker werden durch das BZEE und den angeschlossenen Bildungsträgern auch Fachlehrgänge für in der Praxis tätige Mitarbeiter von Serviceunternehmen bzw. Serviceabteilungen der Herstellerfirmen angeboten und können als Einzelmodul belegt werden. Diese werden gleichfalls entsprechend des aktuellen technischen Standes ständig aktualisiert. Themen sind u.a.
• 30kV Schaltberechtigung
• EUP (elektrotechnisch unterwiesene Person)
• Elektrofachkraft für festgelegte Tätigkeiten
• Hydraulik
• Steuerungen (SPS)
• Kunststoffverarbeitung und Rotorblattreparatur
• Fachenglisch für Servicetechniker
• Kommunikationsenglisch für Servicetechniker
• Vorbereitung für den Offshore- Einsatz
• Prozessmanagement für Logistik im Service
Mit den seit Anfang 2005 wirkenden neuen arbeitsmarktpolitischen Richtlinien ist es allerdings notwendig, speziell für diese Ausbildungsformen neue Rahmenbedingungen zu definieren, um auch weiterhin erfolgreich insbesondere die Ausbildung zum Servicetechniker für Windenergieanlagen bei den Bildungsträgern durchführen zu können.
Ein weiterer Schwerpunkt dürfte die Definition neuer Berufsbilder sein, die sich mit dem rasanten Wachstum der Windkraftbranche herauskristallisiert haben und einer methodischen Umsetzung bedürfen. Für junge und interessierte Handwerker ergeben sich hier neue Berufsperspektiven.